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  • "Wir lernen durch zufälliges Vorbeilaufen"
"Wir lernen durch zufälliges Vorbeilaufen"

"Der Raum unterstützt die Methoden, mit denen wir arbeiten."
Joachim Müller
Leiter Experience Center Europe, PwC (Foto: PwC)
Sie haben in der 34. Etage des Tower 185 mit dem Experience Center ein Bürokonzept umgesetzt, das sich von allen anderen PwC-Büros in diesem Gebäude unterscheidet. Können Sie dieses Konzept beschreiben und warum machen Sie das?

Streng genommen ist das hier kein Bürokonzept. Es ist ein Raumkonzept, das Zusammenarbeit unterstützen soll. Im Kern geht es darum, kreativ zu arbeiten. Und der Raum unterstützt die Methoden, mit denen wir arbeiten. Es geht darum, Perspektiven zusammenzubringen und zu wechseln. Die unterschiedlichen Stärken, die wir in der Firma haben, wirklich zusammenarbeiten zu lassen, Silos zu durchbrechen und sehr viel iterativer vorzugehen, ausprobierend, auf Hypothesen basierend. Eben anders als im klassischen, analytisch geprägten Beratergeschäft.

Unser Raumkonzept sieht aus diesen Gründen zum Beispiel Zonen wie die „Socialising Kitchen“ vor oder andere informelle Treffpunkte, an denen sich Leute austauschen können. Ideen werden bei uns tatsächlich auf Tische und Wände geschrieben, damit jeder sie teilen kann. Gearbeitet wird an Werkbänken. Auf der anderen Seite haben wir aber auch abgeschirmte Bereiche, in denen konzentriert gearbeitet wird. Die Wege dazwischen sind aber kurz.

Wie verändert dieses Konzept die Arbeitsweisen?

Wenn wir in Projekten arbeiten, dann arbeiten wir in sogenannten „Sprints“. Das sind kurze Zeiteinheiten, in den wir alles, was wir tun, auch prototypisieren. Das hat viel mit „vertesten“ zu tun. Auch Fehler sind ein Stück weit möglich, um zum Ziel des Kunden zu gelangen.

Das ist ein Stück weit ein Paradigmenwechsel für PwC. Denn die klassische Beratung stützt sich auf Erfahrungen, die man in vergleichbaren Umfeldern schon gemacht hat und an seine Kunden weitergibt. Digitalisierung funktioniert aber häufig nicht so. Wir treffen auf Probleme, die so noch nie bearbeitet wurden, die sind einfach neu. Das kann man nicht nur mit Erfahrung lösen, da muss man in die Zukunft denken. Ganz wichtig bei unserem Ansatz ist zum Beispiel, dass wir nicht sofort in die Lösungssuche einsteigen, sondern erstmal überhaupt das tatsächliche Problem identifizieren müsse und zwar aus der Perspektive des Endanwenders. Dann erst kommt der konzeptionelle Teil ins Spiel und in der letzten Phase die Lösungsentwicklung. Was wir definitiv nicht machen, sind Übergaben. Wir haben stabile Teams, die von Anfang bis Ende miteinander zusammenarbeiten. So vermeiden wir Informationsverluste und sind schneller und effektiver.

Welche Mitarbeiter arbeiten im Experience Center?

Zu einem großen Teil Mitarbeiter, die es noch nie bei PwC gab. Zum Beispiel Kreative aus dem Agenturumfeld. Leute, die sich mit digitalen Geschäftsmodellen auseinandersetzen. Und hier arbeiten Psychologen, aber auch Technologen und Software-Entwickler, die das aufgreifen, was in der digitalen Welt passiert und es entsprechend in einen für den Kunden nutzbaren Kontext umsetzen.

Wir funktionieren als Experience Center nicht alleine, sondern kombinieren unsere Arbeitsweisen mit denen, die wir im Unternehmen schon haben. Das bedeutet auch ein Stück weit Transformation in beide Richtungen. Wir nutzen das über 100-jährige Kundenwissen von PwC und das stabile Fundament an Industriewissen. Wir haben funktionales Wissen aus der Wirtschafts- und Steuerprüfung und aus vielen Beratungsfeldern. Bei jeder neuen Aufgabe verbinden wir im wesentlichen drei Seiten: unser Businesswissen aus der Beratung, die Technologie-Perspektive und die Experience, die erfahrbar experimentellen, nutzerzentrierten Arbeitsweisen, die wir hier im Experience Center erproben.

Wie profitieren die Mitarbeiter von diesem Konzept, die hier auch arbeiten?

Wir arbeiten sowohl für PwC selbst, wir gehen aber auch direkt in den Markt und auf Kundenprojekte.

Ein alternativer Arbeitsplatz im Experience Center. (Foto: PwC)
Diese Orientierung nach innen und nach außen ist neu, das gab es so noch nie bei uns. Insofern kommen wir hier mit den verschiedensten Erfahrungen in Berührung und können dies in unserer Arbeit nutzen. Unser Arbeitsumfeld ist natürlich sehr international, hier arbeiten Menschen aus über 30 Nationen zusammen.

Wie reagieren Ihre Kunden?

95 Prozent der Leute, die hier zum ersten Mal hereinkommen sagen: „Ich wusste gar nicht, dass PwC so etwas macht.“ Das ist einfach nicht das, wofür wir in der Vergangenheit standen. Wir merken aber eine zunehmende Erwartungshaltung unserer Kunden. Der Markt verändert sich gerade im digitalen Umfeld stark. Ein moderner Chief Digital Officer beispielsweise denkt schon in den Methoden, die wir hier anwenden und vorführen. Die Nachfrage bestätigt unseren Ansatz: Wir sind erst seit Februar 2017 in Frankfurt am Start und arbeiten derzeit unter Volllast.

Verstehen Sie das Experience Center als Laboratorium für neue Büro- und Arbeitskonzepte auch für andere Unternehmensbereiche von PwC?

Das Experience Center befindet sich mitten in unserem Headquarter, in dem die meisten Mitarbeiter von PwC in Deutschland arbeiten.

Das Raumkonzept fördert den Austausch von Ideen. (Foto: PwC)
Die Leute kommen in der Tat einfach bei uns vorbei und mit uns ins Gespräch. Dadurch fließen Informationen in alle Richtungen. Das heißt, die 34. Etage hier ist auch ein Stück weit „Integrationsfläche“ für das gesamte Unternehmen. Jedes große Unternehmen steht vor der gleichen Herausforderung. Die Mitarbeiter arbeiten teilweise an den selben Problemen. Und es ist wahrscheinlich, dass jemand bei uns in der 30. Etage beispielsweise an einer Data-Analytics-Frage arbeitet, die in der 38. Etage bereits gelöst wird. In unserer Raumstruktur im Experience Center lernt und erfährt man Dinge aber durch „zufälliges Vorbeilaufen“. Wir haben dem übrigens auch einen Namen gegeben, „Serendipity“. Dahinter steckt einfach die Idee, dass man lernt, in dem man sich austauscht, quasi beim zufälligen Vorbeigehen.

Wie reagieren die Mitarbeiter, die im Experience Center arbeiten?

Für die Mitarbeiter ist das natürlich erstmal ein neues Arbeiten, weil es nicht unbedingt intuitiv aus ihrer Welt kommt. Teilweise brauchen sie auch Anlaufphasen, um sich darauf einzustellen.

"Die Unterschiede in den Arbeitsweisen werden sich angleichen."
Die Art wie wir arbeiten, überträgt sich aber in Teilen auf das Unternehmen, da bin ich sicher. Und wir treffen mit unserer Digitalberatung natürlich auf neue Wettbewerber, die wir früher nicht getroffen hätten.

Aus meiner Sicht werden sich Unterschiede in den Arbeitsweisen innerhalb des Unternehmens zunehmend angleichen. Gerade die jungen Leute, die direkt von der Uni zu PwC kommen, haben alle schon mal beispielsweise mit Methoden wie Design Thinking zu tun gehabt. Daher sind sie grundsätzlich schon mit Kreativmethoden vertraut und übertragen das hier sicherlich auch ein Stück weit in ihre Arbeit.

Weltweit hat PwC in über 20 Städten Experience Center eröffnet. Gibt es hier von Land zu Land Unterschiede?

Derzeit sind es 23 Center. Das letzte hat erst vor einigen Wochen in Kanada eröffnet. Von Land zu Land gibt es vor allem thematische Unterschiede. In Deutschland beraten wir vorrangig Industriezweige, ein Markt, in dem PwC historisch lange unterwegs ist. Unser Experience Center in den USA dagegen ist aus einer ehemaligen Kreativagentur heraus entstanden und hat entsprechend branchenübergreifende Kundenkontakte. Wir im Frankfurter Tower 185 sind als Experience Center dagegen von vornherein mit eingeplant gewesen. Wir profitieren stark vom Austausch dieser verschiedenen Ländererfahrungen mit unterschiedlichen Arbeitskulturen und Kunden.

Trägt so ein Konzept auch zu einer Veränderung der Corporate Identity von PwC bei?

PwC ist eine der stärksten Marken weltweit, das belegen regelmäßig Studien. Unser zentrales Markenversprechen ist Vertrauen – das ist ein sehr starkes Fundament. Wir erweitern dieses Versprechen um Innovation und Kreativität. Die Welt verändert sich. Wir brauchen bei allem, was wir tun mehr Technologie-Know-how. PwC spricht aus diesem Grund auch verstärkter MINT-Profile bei Bewerbern an, als es in der Vergangenheit der Fall war. Und da unterstützt das Experience Center mit seiner Arbeit die Wahrnehmung nach außen.

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